Letzte Woche hatte eine Freundin ihr Mitarbeitergespräch. Sie wollte eine Gehaltserhöhung ansprechen. Sie hatte gute Argumente. Die Zahlen stimmten. Die Leistung war da.
Was sie gesagt hat? „Ich wollte mal fragen, ob man vielleicht irgendwann über das Thema Gehalt sprechen könnte. Kein Stress, wenn nicht."
Kein Stress, wenn nicht.
Ich musste lachen, weil ich mich selbst erkannt habe. Und ich wette, du auch.
Warum wir weichspülen, obwohl wir es nicht müssten
Das ist kein Zufall und keine schlechte Angewohnheit — es ist ein sprachliches Muster, das wissenschaftlich belegt ist. Die Linguistin Robin Lakoff beschrieb bereits 1973 in ihrer wegweisenden Forschung zur Genderlinguistik: Weibliche Kommunikation ist geprägt durch Vorsicht, Höflichkeit und demonstrierte Unsicherheit. Frauen sichern sich mit Adverbien wie „irgendwie" oder „vielleicht" ab, stellen Fragen statt Behauptungen auf — und nehmen sich damit selbst die Wirkung.
Das Ergebnis kennen wir alle: Aus „Ich möchte eine Gehaltserhöhung" wird „Man könnte ja vielleicht mal darüber nachdenken". Aus „Nein, das mache ich nicht" wird „Also, ich weiß nicht, ob ich da die Richtige bin, aber grundsätzlich, also eigentlich…"
Das ist kein Sprachproblem. Das ist ein erlerntes Muster. Und Muster kann man durchbrechen — wenn man übt. Genau dafür ist KI überraschend gut geeignet. Wie du generell lernst, bei KI klarer zu formulieren und nachzuhaken, erkläre ich in meinem Artikel Nachfragen statt aufgeben.
Der Prompt: Die Klartext-Trainerin
Hier ist ein Prompt, den du direkt bei ChatGPT oder Claude ausprobieren kannst. Er nutzt die vier Säulen guter KI-Kommunikation: Rolle, Kontext, Aufgabe und Tonalität.
Du bist eine selbstbewusste Kommunikationstrainerin, die Frauen hilft, klar und freundlich zu formulieren — ohne Weichspüler und ohne Rechtfertigungen. Ich habe morgen ein Gespräch, vor dem ich mich drücke. Hier ist die Situation: [beschreib kurz, worum es geht und mit wem]. Das möchte ich erreichen: [dein Ziel]. Mein Problem: Ich formuliere zu vorsichtig und nehme mich selbst zurück. Gib mir drei Varianten, wie ich mein Anliegen auf den Punkt bringe — klar, freundlich, ohne „vielleicht könnte man ja mal". Schreib so, wie eine kluge Freundin sprechen würde: direkt, aber warm.
Klingt simpel. Ist es auch. Aber die Ergebnisse sind oft überraschend — nicht weil KI so schlau ist, sondern weil du plötzlich schwarz auf weiß siehst, wie dein Anliegen klingt, wenn du es ohne Entschuldigung formulierst.
Drei Situationen, in denen das sofort hilft
Gehaltsverhandlung: Du gibst der KI deine Argumente und sagst, was du erreichen willst. Sie gibt dir drei Varianten — von diplomatisch bis direkt. Du wählst die, die sich nach dir anfühlt — nur ohne die Weichspüler.
Nein sagen: Deine Schwiegermutter erwartet, dass du wieder das Familienfest organisierst. Du weißt, du willst nicht. Aber „Nein" allein fühlt sich zu hart an. Die KI gibt dir Formulierungen, die freundlich und eindeutig sind. Kein Wischiwaschi. Mehr dazu findest du auch in meinem Artikel über Emotional Load und KI.
Idee im Meeting: Du hast einen Vorschlag, traust dich aber nicht. Du beschreibst der KI deine Idee und den Kontext. Sie formuliert dir drei Sätze, mit denen du die Idee selbstbewusst auf den Tisch legst.
Warum das funktioniert
Es geht nicht darum, dass KI besser formuliert als du. Es geht darum, dass du im Gespräch mit KI merkst, was du eigentlich sagen willst — und dass das okay ist. Dass du das Recht hast, es klar zu sagen. Ohne dreimal „sorry" und ohne „wenn es nicht zu viel verlangt ist".
Das hat nichts mit Technik zu tun
Ich höre immer wieder: „Aber ich kann doch gar nicht mit KI umgehen." Doch, kannst du. Wenn du einer Freundin am Telefon erzählen kannst, was dich beschäftigt, dann kannst du das auch ChatGPT erzählen. Genauso. Mit denselben Worten. Ohne Fachbegriffe.
Das ist übrigens genau das, was ich in meinen KI-Workshops zeige: Dass KI kein Technik-Thema ist. Sondern ein Kommunikations-Thema.
