Das Missverständnis
Neulich in einem meiner Workshops: „Ich verstehe die ganze Aufregung um KI nicht. Man gibt einfach was ein wie bei Google und bekommt eine Antwort. Was soll daran schwer sein?"
Ich musste schmunzeln. Denn genau das ist das größte Missverständnis über KI-Tools wie ChatGPT. Klar, auf den ersten Blick sieht es ähnlich aus: Textfeld, Enter drücken, Antwort bekommen. Aber die Art, wie Google und ChatGPT funktionieren, könnte unterschiedlicher nicht sein.
Google sucht — ChatGPT versteht
Google ist eine Suchmaschine. Du gibst Stichwörter ein, und Google durchforstet das Internet nach Webseiten, die diese Wörter enthalten. Je besser deine Stichwörter, desto besser die Ergebnisse.
ChatGPT ist grundlegend anders. Es ist ein sogenanntes Large Language Model (LLM) — ein großes Sprachmodell, das auf riesigen Mengen an Texten trainiert wurde und natürliche Sprache versteht und erzeugt. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) beschreibt KI-Sprachmodelle als „Computerprogramme, die in der Lage sind, natürliche Sprache in geschriebener Form automatisiert zu verarbeiten" — und genau das macht den Unterschied. Du kannst mit ChatGPT reden wie mit einem Menschen — mit ganzen Sätzen, Nachfragen, Präzisierungen.
Der Unterschied in der Praxis
Google-Stil: „vegane Linsensuppe Rezept"
Ergebnis: 10 Links zu verschiedenen Webseiten
ChatGPT-Stil: „Kannst du mir ein einfaches Rezept für vegane Linsensuppe geben? Ich habe nur 30 Minuten Zeit und mag es nicht zu scharf."
Ergebnis: Ein maßgeschneidertes Rezept, angepasst an deine Bedürfnisse
Merkst du den Unterschied? Bei Google musst du die richtigen Suchbegriffe finden. Bei ChatGPT kannst du einfach sagen, was du brauchst.
Warum "einfach was reinschreiben" nicht funktioniert
Auch wenn ChatGPT natürliche Sprache versteht, heißt das nicht, dass jede Eingabe zu einem guten Ergebnis führt. Es gibt einen Unterschied zwischen "funktioniert irgendwie" und "liefert genau das, was ich brauche".
Problem: Zu vage. ChatGPT weiß nicht, ob du einen Blogpost, eine Definition oder eine Geschichte willst.
Guter Prompt: „Schreib mir eine verständliche Erklärung über künstliche Intelligenz für Frauen über 40, die keine technischen Vorkenntnisse haben. Maximal 200 Wörter, mit Alltagsbeispielen."
Ergebnis: Präzise, zielgruppengerecht, genau was du brauchst.
Was gutes Prompting ausmacht
Gutes Prompting ist eine Fähigkeit, die man lernen kann. Hier sind die wichtigsten Prinzipien:
Sei spezifisch: „Schreib mir 5 Instagram-Captions für ein kleines Café in Berlin"
Gib Kontext: „Ich bin Selbstständige und brauche Hilfe bei meiner Buchhaltung"
Definiere das Format: „Erstelle eine Tabelle mit 3 Spalten"
Stelle Nachfragen: „Das ist gut, aber kannst du es kürzer machen?"
Nutze Beispiele: „Schreib im Ton einer klugen Freundin"
Wie du Nachfragen wirklich effektiv einsetzt, erkläre ich ausführlich in meinem Artikel Nachfragen statt aufgeben.
Warum das wichtig ist
Wenn du KI wie Google behandelst, verschenkst du 90 % des Potenzials. ChatGPT und andere KI-Tools können mit dir brainstormen, Texte in deinem Stil schreiben, komplexe Aufgaben in Schritte aufteilen und auf deine Rückfragen eingehen. Aber nur, wenn du lernst, wie man damit spricht.
Übrigens: Es gibt mehr als nur ChatGPT. Welche Tools sich für welche Aufgaben eignen, erfährst du in meinem Artikel ChatGPT ist nicht das einzige KI-Tool.
Mein Tipp
Stell dir vor, ChatGPT ist eine neue Kollegin. Bei Google würdest du tippen: „Linsensuppe Rezept". Bei deiner Kollegin würdest du sagen: „Hey, kannst du mir helfen? Ich möchte heute Abend vegane Linsensuppe kochen, hab aber nur 30 Minuten. Hast du ein einfaches Rezept?"
Genau so solltest du auch mit ChatGPT reden. Natürlich, präzise, im Dialog.
